Richtfunk statt Kabel: Es muss nicht immer Glasfaser sein

Um die Chancen der Digitalisierung nutzen zu können, benötigen Unternehmen flächendeckend den Zugang zu leistungsfähigen Breitbandanschlüssen. Bislang nutzen die meisten Unternehmen aber immer noch die alte Kupfertechnik der Telekom. Ein Grund, warum Deutschland beim schnellen Internet laut einer Studie der OECD zu den internationalen Schlusslichtern gehört. Insofern stellt sich die Frage nach der Nutzung der letzten Meile, also der Strecke vom grauen Telefonkasten bis zum technischen Übergabepunkt beim Kunden mehr denn je. Bislang sind in Deutschland etwas mehr als zwei Prozent aller Haushalte mit Glasfaserleitungen versorgt. Die Verlegung neuer Glasfaserkabel und der damit verbundene Tiefbau sind jedoch sehr kosten- und zeitaufwendig. Ein Blick auf alternative Übertragungstechniken, mit denen Daten in hoher Geschwindigkeit übermittelt werden, scheint daher mehr als geboten.

 

Wie funktioniert Richtfunk?

Richtfunk ermöglicht zwischen zwei festen Punkten drahtlose Nachrichtenübertragung. Im Allgemeinen breiten sich in den verwendeten Frequenzbereichen die Funkwellen geradlinig aus. Die Richtfunkantennen bündeln die zu übertragenden Daten stark, weshalb selbst große Distanzen bei geringer Sendeleistung überbrückt werden können. Voraussetzung ist, dass beide Standorte Sichtkontakt zueinander haben. Ist diese nicht gegeben, muss ein höherer Mast für die Antenne errichtet werden. Über Relaisstellen (sog. Hops), die das Signal wie eine Art Spiegel lenken, können auch größere Entfernungen ohne direkte Sichtverbindung realisiert werden. Das ist gerade in dicht besiedelten Städten und Gebäuden mit unterschiedlichen Höhenprofilen von Vorteil. Die Außeneinheit (Outdoor Unit, ODU) ist über ein Coax-Kabel mit dem Innenelement (In-Door-Unit, IDU) verbunden. Dort werden alle herkömmlichen Schnittstellen (GbE, Eth, STM-1, E1, E3 ,..) übertragen, die für viele Anwendungen geeignet sind und in einigen Fällen auch kombiniert werden können (z.B. Sprache und Daten).

Was sind die Hauptvorteile bei Richtfunk?

1. Zeit & Kosten

Bei Richtfunk entstehen keine aufwendigen Tiefbauarbeiten im Zusammenhang mit dem Verlegen von Kabeln. Dadurch lassen sich Richtfunkverbindungen deutlich schneller und mit geringerem Kostenaufwand realisieren. Dies ist gerade für Unternehmen interessant, die eine schnelle Realisierung und Bereitstellung von hohen Bandbreiten benötigen. Hinzu kommt, dass bei vielen Richtfunkanbietern die Inhouse-Verkabelung (IHVK) in den Einrichtungskosten inkludiert ist. Bei Glasfaser muss dies durch den Eigentümer oder Mieter in Eigenregie bis zum Übergabepunkt erfolgen. In Summe ein zusätzlicher Kostenaufwand. Die laufenden Kosten sind vergleichbar mit denen einer Glasfaseranbindung.

2. Flexibilität

Im Vergleich zu Glasfaser besitzen Richtfunkverbindungen eine höhere Flexibilität wie z.B. im Rahmen eines Firmenumzuges. Die ca. 30-cm-Antenne kann zu jeder Zeit auf dem Dach schnell demontiert und am neuen Standort wieder aufgebaut werden. Voraussetzung ist lediglich eine positive Sichtverbindung zur nächsten Basisstation. Darüber hinaus kann die Technik bei Richtfunk von Anfang an bedarfsgerecht ausgewählt werden, d.h. es gibt für jedes Bandbreitenszenario das passende Frequenzband. Falls die bestehende Bandbreite nicht mehr reicht, kann das System auf die nächst höhere Bandbreite erhöht werden.

3. Ausfallsicherheit

Die Hauptgründe für Übermittlungsprobleme in der Glasfaserleitung sind neben Naturkatastrophen vor allem Schäden, die z.B. durch Baggerarbeiten verursacht worden sind. Nur durch eine konsequent getrennte Hauszuführung der Leitungen kann man möglichen Störungen wirksam begegnen. Ausfälle beim Richtfunk hingegen resultieren aus der Zuverlässigkeit der Hardware selbst und witterungsbedingten Faktoren. Letztere werden mit automatischer Sendeleistungssteuerung (ATPC) und automatischer Modulationsanpassung (ACM) auf ein Minimum begrenzt. In Summe ist die Verfügbarkeit von Richtfunk mit mindestens 99,99% garantiert. Theoretische Ausfallzeiten liegen somit besser als bei Verbindungen über Glas.

4. Redundanz

Eine redundante Wegeführung über eine zweite Glasfasertrasse ist meist nur über teure Tiefbauarbeiten realisierbar. Von daher eignen sich Richtfunkverbindungen sowohl hinsichtlich der Wegeführung, der Technologie und der Auswahl eines weiteren Anbieters bestens für Unternehmen, die extreme Verfügbarkeiten benötigen. Um die Verfügbarkeit der gesamten Richtfunkstrecke selbst zu erhöhen und Hardwareausfälle ohne Störung des Datenstroms abzufangen, können redundante Komponenten eingesetzt werden.

5. Richtfunk statt LAN-Kabel

Die Verkabelung zwischen Gebäuden erfolgt üblicher Weise mit Lichtwellenleitern. Mögliche Hinderungsgründe sind u.a. öffentliche Straßen, Seen, Bahnstrecken oder rechtliche Hindernisse. Dann müssen oftmals teure Standleitungen angemietet werden, vorausgesetzt die Verfügbarkeiten sind an den jeweiligen Standorten mit den gewünschten Bandbreiten gegeben. Eine attraktive Alternative ist die Nutzung von Richtfunk zur Kopplung von LANs. Voraussetzung ist auch hier eine Sichtverbindung der Standorte untereinander.

Fazit

Richtfunk eignet sich nicht nur als Backup-Lösung für eine bestehende Leitung, sondern bietet Unternehmen auch eine attraktive Alternative für breitbandige Internet-Anbindungen. Die kabellose Übertragungstechnik bietet neben symmetrischen Bandbreiten von 2 Mbit/s bis 1 Gigabit/s Fullduplex eine relativ kurze Realisierungsdauer sowie eine hohe Sicherheit und Verfügbarkeit. Nichtsdestotrotz muss in der Praxis jeder Vorgang individuell anhand der vorliegenden Parameter analysiert und bewertet werden, welcher Übertragungstechnologie dem Vorrang gewährt wird.

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